Sonntag, 24. Juli 2016

@Facebook und Bertelsmänner

Facebook hat in Deutschland mit der Löschung von Inhalten begonnen. Der Chef des Unternehmens, Mark Zuckerberg, erklärte vergangene Woche, dass man ab sofort „schlechte Inhalte“ eliminieren werde. Zu diesem Zweck werden 200 Mitarbeiter tätig, die, angeleitet von der @Bertelsmann-Tochter @Arvato, auf Hinweise von Informanten aus dem Netz tätig werden.

In der öffentlichen Darstellung soll es dabei um Hass-Postings gehen, die gelöscht werden. Tatsächlich geht es aber auch um unliebsame Inhalte, wie die Deutsch Türkischen Nachrichten in der Nacht zum Freitag feststellen mussten: Ein Posting über die geplante Ernennung des PKK-Chefs Öcalan zum Ehrenbürger von Neapel von von Facebook als Verstoß gegen die Richtlinien gelöscht. Alle DTN-Administratoren wurden für 24 Stunden gesperrt. Erklärungen gab es keine. Nach einer wütenden Beschwerde der Kollegen bei der Pressestelle von Facebook wurde das Posting schließlich freigegeben. Begründung für die Löschung gab es keine.


Eine solche Begründung kann man allerdings bei den Facebook-internen Schulungsdokumenten finden. Der deutsch-türkische Blogger Kerem Schamberger hat diese ausgegraben. Die internen Facebook-Papiere zeigen, dass Facebook sehr wohl nach politischen Kriterien zensiert. Interessant: Die Kollegen von den DTN haben gewissermaßen einen „Volltreffer“ gelandet: Denn auf Seite 4 der „Abuse Standards“ in der Fassung 6.2 des vertraulichen „Operation Manuals For Live Content Moderators“ findet sich eine Auflistung des Inhaltes, den Facebook-Moderatoren zu sperren haben. Unter der höchsten Sicherheitsstufe („escalated“) laufen hier:

1. Holocaust-Leugner mit dem Fokus auf Hass-Rede
2. Alle Attacken auf Atatürk (visuell und Text)
3. Landkarten von Kurdistan (Türkei)
4. Brennende türkische Flagge(n)

Derartige Inhalte sind von Facebook-Moderatoren sofort zu löschen. Etwas niedriger, aber ebenfalls zur Löschung freigegeben („confirmed“), sind:

1. Jegliche Inhalte, die für die PKK Unterstützung signalisieren ohne Kontext; kurdische Flaggen ignorieren
2. Inhalte, die Abdullah „Apo“ Öcalan zeigen oder unterstützen. Hinweis: Nicht löschen, wenn die Inhalte klar gegen die PKK und/oder Öcalan sind.

Diese sehr detailreichen Hinweise finden sich in einem Umfeld für andere Löschungen, die in dem Dokument zu finden sind. Die Löschungs-Anweisungen beziehen sich auf vorwiegend formale Kriterien und versuchen tatsächlich, Kriterien für bestimmte rassistische Postings zu entwickeln: So ist es auf Facebook zwar erlaubt zu posten „I hate Obama“, nicht jedoch: „Can’t stand that nigger Obama“. Das ist alles gut gemeint – aber es ist vor allem ein breites Einfallstor für politische Vorgaben.

Interessant: Offenbar hat sich im Hintergrund von Facebook bereits eine ganze Armada von Informanten und Lösch-Arbeitern am Werk. Allerdings sind sie nicht der wichtigste Teil der Facebook-Zensur: Die Hauptarbeit erledigen Algorithmen, die so programmiert werden, dass sie die vorgegebenen Kriterien erkennen und faktisch in Real-Time eliminieren können. Die User werden nicht informiert. Völlig unklar ist, ob die betroffenen Regierungen und Sicherheitsbehörden informiert werden. Dies stellt vor allem für politische Andersdenkende und Oppositionelle in Diktaturen eine enorme Gefahr da. Wegen der mangelnden Transparenz, die bei Facebook herrscht, erfahren die Opfer nämlich nicht, von wem sie denunziert wurden. Auch die Regierungen haben keine rechtlichen Verpflichtungen, weil sie ja nicht offenlegen, ob Facebook „schlechte Inhalte“ an die Behörden melden.

Auffallend ist in dem Dokument, dass die politischen Vorgaben der Türkei besonders oft und explizit erwähnt sind. Die Türkei hat eine lange Tradition der Zensur. Einschränkungen der Pressefreiheit haben unter Präsident Erdogan massiv zugenommen. Politisch Andersdenkende werden gnadenlos verfolgt und eingeschüchtert. Leitartikel können ebenso gefährlich seine, wie etwa bei der Cumhürryiet, wie poetische Tweets – wie diejenigen des weltberühmten und von Erdogan verfolgten Pianisten Fazil Say.

Die Gründe, warum Facebook sich aktiv an der Unterdrückung der Presse- und Meinungsfreiheit sowie an der Beschneidung der Menschenrechte beteiligt, dürfte in zwei Richtungen zu suchen sein: Zum einen ist Facebook auf vielfältige Weise mit den US-Geheimdiensten verbunden, wie der Sprecher der Deutschen Polizeigewerkschaft schon vor Jahren öffentlich und unwidersprochen gesagt hat (Video am Anfang des Artikels). Damit ist klar, dass Facebook als Instrument der geopolitischen Interessen der US-Regierung zum Einsatz kommt. Der scheinbare Abwehrkampf von Apple gegen das Entsperren eines iPhones ist ein reiner Schaukampf, der den Konsumenten vorgaukeln soll, dass die US-Technologiekonzerne den staatlichen Stellen Widerstand entgegensetzen.

Natürlich leistet Facebook gegen keine Regierung dieser Welt Widerstand: Denn der Deal, der zwischen den Regierungen und den Technologiekonzernen besteht, sieht einen klaren Abtausch der Interessen vor: Die Unternehmen geben der Regierung, was sie an Daten will. Dafür lassen die Regierungen die US-Unternehmen auf ihre Märkte – wo sie dann Geld verdienen können.

Kerem Schamberger, der wegen mehrfacher PKK-Postings auf Facebook gesperrt wurde und sich folgerichtig aus dem Netzwerk verabschiedet hat, analysiert auf seinem Blog sehr scharfsinnig:

„Es stellt sich jetzt die Frage, warum Facebook so sehr auf die türkische Regierungspolitik zugeht und in vorauseilendem Gehorsam pro-kurdische Inhalte zensiert?

In der Türkei nutzen 40 Millionen (von 75 Millionen Einwohnern) Menschen Facebook, damit steht das Land auf Platz 7 der Rangliste der meisten Facebook-Nutzer, noch vor Deutschand (28 Millionen) und Frankreich (30 Millionen) und hinter USA (188 Millionen), Indien (122 Millionen), Brasilien (98 Mllionen), Indonesien, Mexiko und den Philippinen. 89% aller Computer-Nutzer in der Türkei sind mit Facebook verbunden. Ergo: Die Türkei ist für Facebook ein riesiger, schnell wachsender Markt für Werbeanzeigen, private Daten usw.

Damit sich der türkische Daten/Werbe-Markt für Facebook also nicht schließt, gehorcht der Zuckerberg-Konzern lieber dem türkischen Staat und wird zum willfährigen Zensurmeister. Interessantes Detail ist dabei, dass die südkurdische Fahne explizit aus den Zensur-Vorgaben ausgenommen ist. Dies passt ins Bild, ist Südkurdistan unter dem Barzani-Clan doch einer der besten Handelspartner der Türkei und Erfüllungsgehilfe der USA.“

Das Beispiel der Türkei zeigt, dass es also ganz klare Zusammenhänge zwischen den kommerziellen Interessen von Facebook, einer repressiven Regierung und den geopolitischen Interessen der US-Regierung gibt.

In dieser Hinsicht ist die Tatsache, dass sich Facebook nun Deutschland „vorknöpft“ von einiger Bedeutung: Denn man kann davon ausgehen, dass der Mechanismus der Kooperation auch in Deutschland funktioniert. Was für Erdogan recht ist, kann für Angela Merkel nur billig sein. Schließlich ist auch Deutschland Nato-Partner und engster Verbündeter. Facebook kann gegenüber den EU-Staaten einen zusätzlichen Nachteil: Das Unternehmen zahlt nur minimale Steuern in Deutschland und den anderen EU-Staaten, weil alle Geschäfte über Steuer-Oasen abgewickelt werden. Die Regierungen in Europa versuchen immer wieder, von den Technologiekonzernen hohe Einmalzahlungen für den routinemäßigen Steuerbetrug zu kassieren. Diese Summen will sich Facebook ersparen und kooperiert daher mit der Bundesregierung – die ihre Hände wiederum in Unschuld waschen kann, weil ja nicht sie selbst zensuriert, sondern ein Bertelsmann-Unternehmen im Auftrag von Facebook. Das Bertelsmann-Unternehmen ist zur strengsten Verschwiegenheit verpflichtet.

Somit kann die Bundesregierung sicher sein, dass Facebook nach ihren Vorgaben löscht, was der Bundesregierung als „schlechte Inhalte“ erscheint. Das Türkei-Beispiel zeigt, dass es beileibe nicht nur um Rechtsextremismus geht. Im Grunde kann die Bundesregierung jeden Inhalt und jede Website auf den „Index“ setzen – und trotzdem mit einem freundlichen Gesicht das Grundgesetz rezitieren, wonach eine „Zensur nicht stattfindet“.

Anmerkung der Redaktion: Genau aus diesem Grund posten wir keine Artikel-Snippets mehr auf Facebook. Artikel allerdings, von denen wir meinen, dass sie auch für den virtuellen Zensor von Interesse sind, werden wir weiterhin auf Facebook posten (wie diesen Artikel).

Freitag, 15. Juli 2016

einblick 13/2016 vom 15. Juli 2016

Lohn- und Sozialdumping: Tarnen, prellen, Löhne drücken

An Kreativität mangelt es einigen Arbeitgebern nicht, wenn es darum geht, Löhne zu drücken und die öffentliche Hand um Abgaben und Steuern zu prellen. Häufig nutzen diese Firmen grenzüberschreitende Konstruktionen, um Beschäftigte in Europa gegeneinander auszuspielen.
(Seite 1)

Faire Neuordnung der Finanzen notwendig

Auch im kommenden Jahr will Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ohne zusätzliche Schulden oder Steuererhöhungen auskommen. Der DGB kritisiert den Haushaltsentwurf und fordert eine faire Neuordnung der Finanzbeziehungen.
(Seite 2)

Weiterbildung: Blick in die Röhre

Lebenslanges Lernen ist in aller Munde. Die Politik betont gerne, wie wichtig das Thema im digitalen Zeitalter ist. Aktuelle Zahlen belegen allerdings: Nur jede/r Achte hat 2013 an einer Weiterbildungsmaßnahme teilgenommen.
(Seite 3)

Arbeitsschutz braucht Beteiligung

Arbeit 4.0 stellt neue Herausforderungen an den Arbeits- und Gesundheitsschutz. Worauf es künftig ankommt, beschreibt Birgit Kraemer, Expertin im WSI der Hans-Böckler-Stiftung.
(Seite 7)

www.einblick.de


Samstag, 2. Juli 2016

einblick 12/2016 vom 04. Juli 2016

Europa muss gerechter werden

Großbritannien hat sich gegen Europa entschieden. Die Gewerkschaften erwarten, dass aus diesem Schritt die richtigen Konsequenzen gezogen werden. Es gilt, das soziale Europa stärken.
(Seite 1)

Tiger, Kirchenmäuse und Tarifbindung

Auf unzähligen Plattformen können Menschen online private Autofahrten, Babysitter oder Putzkräfte buchen – vor allem im Handwerk boomen die Portale. Das Geschäftskonzept der Plattform-Ökonomie geht allerdings häufig auf Kosten der Menschen, die ihre Dienste anbieten.
(Seite 3)

Neustart für ein soziales Europa

Europa muss wieder eine attraktive Wertegemeinschaft werden, fordert die Initiative „Restart Europe Now!“. Dafür muss die Politik umsteuern.
(Seite 5)

Klare Positionen mit Ecken und Kanten

Überall in Europa sind rechtspopulistische Parteien auf dem Vormarsch. Auch bei Gewerkschaftsmitgliedern finden manche ihrer Parolen Anklang. Für die österreichischen Gewerkschaften ist das nichts Neues. Der österreichische Gewerkschafter Roman Hebenstreit analysiert die Ursachen für die Attraktivität der rechtspopulistischen FPÖ und skizziert Gegenstrategien.
(Seite 7)

+++ Aufkleber-Aktion: Auf gute Nachbarschaft +++
Mit der Aufkleber-Aktion "Mach meinen Nachbarn nicht an" können Menschen zeigen, was sie von den kruden Ideen der Rechtspopulisten halten. Mehr zur Aktion des Graewis Verlags und den Bestellmöglichkeiten gibt es hier: http://einblick.dgb.de/-/g6J

www.einblick.de

Freitag, 17. Juni 2016

Terror, USA, Krokodilstränen

Geschichte auf MSN: Orlando-Täter wollte Körperpanzerung kaufen http://a.msn.com/01/de-de/AAhbLQZ?ocid=se

Da meldet sich doch tatsächlich der Terror-Pate, Senator McCain zu Wort. Er unkt über die falsche Politik Obamas. Wer sich jetzt verwundert die Augen reibt: Genau der McCain, der als Waffenlobbyist ständig in den Golfstaaten und den diversen Diktaroren, Mördern, Sklavenhaltern und Terroristen-Bossen zu Gast ist. 

Montag, 6. Juni 2016

Rassismus und CETA/TTIP: Stopp

einblick 10/2016 vom 06.06.2016
Ein Statement für die Menschlichkeit
Der DGB ruft dazu auf, sich an der Menschenkette der Initiative „Hand in Hand gegen Rassismus“ zu beteiligen. Es geht am 18./19. Juni darum, Zeichen für ein weltoffenes Deutschland und eine friedliche Gesellschaft zu setzen. 
(Seite 1)
CETA bedroht die Demokratie
Noch in diesem Jahr soll das Freihandelsabkommen CETA zwischen der EU und Kanada unterzeichnet werden. Im einblick-Interview erklärt Hassan Yussuff, Vorsitzender des Canadian Labour Congress, weshalb aus Sicht der kanadischen Gewerkschaften der Vertragsentwurf unbedingt noch geändert werden muss.
(Seite 3)
IG Metall: Bewegte Geschichte
Die IG Metall feiert 2016 ihr 125-jähriges Bestehen und begeht das Jubiläum mit einem Festakt am 4. Juni in Frankfurt am Main. In ihrer Geschichte hat die größte deutsche Gewerkschaft einiges erlebt und vieles erreicht. einblick präsentiert einzelne Stationen.
(Seite 5)
Soziales Europa statt Brexit
Das britische EU-Referendum ist auch eine Abstimmung über den künftigen Schutz von Arbeitnehmerrechten. Warum die englischen Gewerkschaften endlich auf der richtigen Seite stehen, erklärt Ulrich Storck, Direktor des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in London.
(Seite 7)

Mehr dazu: www.einblick.de

Mittwoch, 18. Mai 2016

UNSER HARZ Mai

Ein Berg, der es in sich hat … 10 Jahre Montanforschung im Beerberg bei Sankt Andreasberg; Einiges über die Birke (nach Roth Betula pendula, 1788); Serie Harzer Künstlerpostkarten, Teil 3: Mythen, Sagen und Fabelwesen; Nationalpark-Forum: Die neue Gebietsgliederung des Nationalparks
 
Clausthal-Zellerfeld. Vor über 10 Jahren hat die Arbeitsgruppe „Bergbau“ des St. Andreasberger Vereins für Geschichte und Altertumskunde nach jahrelanger Aufwältigungsarbeit im Lehrbergwerk „Roter Bär“ sich daran gemacht, weitere Baue im Beerberg zu erschließen. Was übertage von den Spuren des Altbergbaus oft nur unter erschwerten Bedingungen zu besichtigen ist wegen der Gefahr querschießender Biker oder weil es durch rücksichtslose Forstwirtschaft verschüttet worden ist, enthüllt die Arbeit untertage Stück für Stück in meist schweißtreibender Schwerarbeit. Wunderschöne Schrämarbeiten oder feuergesetzte Gangprofile werden hier wieder freigelegt und bieten faszinierende Einblicke in den früheren Bergbau des 16. und 17. Jahrhunderts. Begleitende Recherche in den Archiven erzählt zusätzliche Bergbaugeschichte.
 
Die Birke – des Einen Freud, des Anderen Leid. Maiengrün, schon diese Bezeichnung deutet auf die Beliebtheit dieses schönen Baumes mit seiner strahlenden weißen Rinde hin. Unter ihrem Pollenflug im zeitigen Frühjahr hingegen leiden viele Menschen und manche mögen die Birke auch nicht wegen ihrer bereitwilligen Ausbreitung durch fleißige und zahlreiche Sämlinge. Doch sie schenkt uns auch viel, wie hier zu erfahren ist.
 
Der dritte Teil der Serie über Harzer Künstlerpostkarten widmet sich mystischen Darstellungen, wie sie z. B. um 1900 in der Walpurgishalle am Hexentanzplatz von Prof. Hermann Hendrich geschaffen wurden, aber auch mit den eigens als Karten konzipierten „Harzträumereien“ von Otto Boris. Und auch das Brockengespenst wurde hier verewigt.
 
Die Kernzone des Nationalparks Harz, in der die Natur sich schon jetzt frei entfalten kann, umfasst derzeit 60,3 % des gesamten Parks. In der sog. Naturentwicklungszone sind noch kleinere Eingriffe nötig, um den natürlichen Bewuchs zu unterstützen. Das Nationalparkforum zeigt und erläutert die aktuelle Karte der Zonierungen.
  
Anlage: Zonierung des Nationalparks Harz, frei mit dieser PI.
 
UNSER HARZ kann an folgenden Stellen erworben werden (noch bequemer ist ein Abonnement):
Altenau: GLC-Touristinformation,
Bad Harzburg: Haus der Natur, Nordhäuser Str. 2B
Bad Sachsa: GLC-Touristinformation am Kurpark
Clausthal-Zellerfeld: Grosse´sche Buchhandlung, 
Oberharzer Bergwerksmuseum, Bornhardtstr. 16
Drübeck: Klosterladen im Gärtnerhaus
Goslar: Buchhandlung Böhnert, Kaiserpassage
Sankt Andreasberg: Stadtbuchhandlung Stille, Dr. Willi-Bergmann-Str. 1.
 
Schriftleitung UNSER HARZ:
Brigitte Lippmann
Ringstr. 30G
38678 Clausthal-Zellerfeld
108b@gmx.de
 

Montag, 2. Mai 2016

Deutliche Mehreinnahmen gegenüber Schätzung vom November

Steuerschätzung des IMK: Einnahmen steigen bis 2020 auf 807 Milliarden Euro – Aufkommen aus Erbschaftsteuer verdoppeln

Bund, Länder und Gemeinden können infolge des stabilen, binnenwirtschaftlich fundierten Wirtschaftsaufschwungs in diesem und in den kommenden Jahren bis 2020 mit kontinuierlich steigenden Steuereinnahmen rechnen. 2016 wird das Aufkommen aus Steuern und Abgaben zwar noch recht moderat um 2,7 Prozent auf gut 691 Milliarden Euro wachsen. Das sind aber immerhin 5 Milliarden mehr als der Arbeitskreis „Steuerschätzungen“ beim Bundesfinanzministerium im vergangenen November prognostiziert hat. Grund für das vergleichsweise langsame Wachstum sind die Erhöhung von Grund- und Kinderfreibeträgen, leichte Entlastungen beim Steuertarif und Erstattungen nach Gerichtsurteilen. Ab 2017 beschleunigt sich die Einnahmeentwicklung spürbar. 2020 werden Bund, Länder und Gemeinden knapp 807 Milliarden Euro einnehmen. Zu diesem Ergebnis kommt die neue Steuerschätzung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung, die heute als IMK-Report auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt wird.* Laut IMK nimmt die öffentliche Hand bis 2020 zusammengerechnet über 45 Milliarden Euro mehr ein als im November vom Arbeitskreis erwartet.

Während sich das Aufkommen somit positiv entwickelt, weist das deutsche Steuersystem laut IMK aber weiterhin deutliche Defizite auf beim Ziel, der gewachsenen sozialen Ungleichheit entgegenzuwirken. Das zeige sich sehr deutlich auch bei den Plänen der Großen Koalition zur Neuregelung der Erbschaftsteuer. Die bisherige Gesetzgebung wurde Ende 2014 unter anderem für verfassungswidrig erklärt, weil die steuerfreie Übertragung von großen Betriebsvermögen ohne Bedürfnisprüfung eine unverhältnismäßige Überprivilegierung darstellt und damit gegen den Gleichheitsgrundsatz der Verfassung verstößt. Der daraufhin vorgelegte Gesetzentwurf „steigert das Aufkommen nur unzureichend, beseitigt kaum die Privilegierung des Betriebsvermögens und birgt weiterhin verfassungsrechtliche Risiken“, schreiben die IMK-Steuerexpertin Dr. Katja Rietzler, der Berliner Wirtschaftsprofessor Prof. Dr. Achim Truger, der Steuerfachmann Dieter Teichmann und Birger Scholz von der Freien Universität Berlin. In der IMK-Steuerschätzung legen die vier Wissenschaftler ein verfassungsgerechtes Alternativkonzept vor, mit dem sich außerdem das Aufkommen aus der Erbschaftsteuer langfristig verdoppeln ließe – ohne bei der Übertragung von Betrieben Arbeitsplätze zu gefährden. 

Die IMK-Steuerschätzung beruht auf der aktuellen Frühjahrsprognose des IMK von Ende April, die um einen mittelfristigen Ausblick ergänzt wurde. „Die vom IMK erwarteten Mehreinnahmen kommen angesichts der finanzpolitischen Herausforderungen durch die Flüchtlingskrise zur rechten Zeit“, konstatieren die Forscher. Sie resultierten primär aus der positiven Einkommens- und Beschäftigungsentwicklung, seien jedoch auch der Tatsache zu verdanken, dass die Politik „sich nicht – wie früher in Jahren guter Einnahmenentwicklung – zu kostspieligen Steuersenkungen hat verleiten lassen“, betonen die Experten. Dafür sehen sie auch in den kommenden Jahren keinerlei Spielraum: „Zentrale Zukunftsinvestitionen in Bildung und Infrastruktur müssen – wegen der Flüchtlingskrise mit nochmals erhöhter Dringlichkeit – getätigt werden und viele Länder und Kommunen brauchen dringend finanzielle Unterstützung, um ihre Kernaufgaben erfüllen und die Konsolidierungsziele erreichen zu können.“  

– 45 Milliarden mehr als in der Herbstschätzung erwartet – Im Vergleich zur letzten Prognose des Arbeitskreises „Steuerschätzungen“ beim Bundesfinanzministerium vom November 2015 prognostizieren Rietzler, Truger, Teichmann und Scholz erhebliche Mehreinnahmen. So rechnen sie für 2017 mit gesamtstaatlichen Steuereinnahmen von 725,6 Milliarden Euro, acht Milliarden mehr als vom Schätzerkreis im November erwartet (siehe auch Tabelle 3 im Report; Link unten). Für 2018 geht die IMK-Schätzung von einem Gesamtaufkommen von 755,2 Milliarden aus (+10,6 Milliarden). Zusammengerechnet nimmt die öffentliche Hand zwischen 2016 und 2020 laut IMK 45,6 Milliarden Euro mehr ein als der AK „Steuerschätzungen“ im vergangenen November prognostiziert hat. 

Das binnenwirtschaftliche Fundament des aktuellen moderaten Wirtschaftsaufschwungs schlägt sich nach der IMK-Analyse deutlich nieder in einem fortgesetzt kräftigen Wachstum bei Lohnsteuern, Umsatzsteuern und bei Zöllen für Importe. 

– Erbschaften: Verfassungsgerechte und praktikable Alternative zur massiven Privilegierung von Betriebsvermögen –
Stark gestiegen ist 2015 auch das Aufkommen aus der Grunderwerbsteuer sowie aus der Erbschaftsteuer. Letzteres erklären die Forscher allerdings zum Teil mit Vorzieheffekten: Angesichts der zu erwartenden gesetzlichen Neuregelung sei im vergangenen Jahr sehr viel Betriebsvermögen über Schenkungen übertragen worden. Dabei profitierten insbesondere die Empfänger sehr großer Betriebsvermögen noch von der massiven Privilegierung dieser Vermögensart, obwohl sie das Bundesverfassungsgericht 2014 für verfassungswidrig erklärt hat. Da vor allem wohlhabende Haushalte Betriebsvermögen halten und verschenken oder vererben, führt diese Privilegierung zu einem weitgehend regressiven Steuerverlauf bei Schenkungen und Erbschaften insgesamt, zeigen die Wissenschaftler anhand von Daten des Statistischen Bundesamts: So wurden Schenkungen in Höhe von 5000 bis 10.000 Euro 2014 im Durchschnitt effektiv mit 10,2 Prozent besteuert. In der Größenklasse über 20 Millionen Euro, in der viel Betriebsvermögen weitergegeben wird, lag die effektive Besteuerung dagegen lediglich bei 0,4 Prozent. Erbschaften über 20 Millionen Euro wurden effektiv zwar höher besteuert. Doch lag die Belastung mit 7,8 Prozent deutlich niedriger als in den übrigen Größenklassen ab 50.000 Euro (siehe auch Tabellen 6 und 7)        

Die von der Bundesregierung geplante „minimalinvasive“ Novelle der Erbschaftsbesteuerung werde an diesem Missverhältnis nur wenig ändern, konstatieren die Steuerexperten. Mit sehr weitgehenden Verschonungsregeln privilegiere die Regierung Firmenerben weiterhin weitaus stärker als nötig sei, um Arbeitsplätze bei der Übertragung auf die nächste Eigentümergeneration zu sichern. 

Das vorgeschlagene Alternativmodell orientiert sich daher am Gesetzentwurf der Regierung, baut die pauschale Verschonung des Betriebsvermögens aber so weit wie möglich ab, „ohne dass die Fortführung des Betriebes steuerlich gefährdet würde“. So sieht der Alternativ-Vorschlag weiterhin eine Bedürfnisprüfung vor, mit der verhindert werden soll, dass Empfänger von Betriebsvermögen finanziell überfordert werden. Anders als im Gesetzentwurf vorgesehen, würde auch Empfängern ohne ausreichendes Privatvermögen die Steuer langfristig nicht komplett erlassen. Vielmehr müssten auch sie bis zu 15 Prozent Steuern zahlen – mindestens den halben tarifären Steuersatz der Steuerklasse I. Durch großzügige Möglichkeiten zu einer verzinsten Stundung der Steuerzahlung über bis zu 15 Jahre sei dabei aber sichergestellt, dass die Erben ihre Steuern auf jeden Fall aus den laufenden Erträgen des übertragenen Unternehmens bezahlen können. Ohne dass Arbeitsplätze gefährdet würden, könne so „das Aufkommen der Erbschaftsteuer langfristig problemlos verdoppelt werden und die Erbschaftsteuer einen deutlich größeren Beitrag zur Korrektur der Einkommens- und Vermögensverteilung leisten“, resümieren die Wissenschaftler.  

*Katja Rietzler, Birger Scholz, Dieter Teichmann, Achim Truger: IMK-Steuerschätzung 2016-2020. Stabile Einnahmenentwicklung – Erbschaftsteuerreform nur Flickwerk, IMK Report Nr. 114, Mai 2016. Download: http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_114_2016.pdf

Videostatement von Dr. Katja Rietzler:  https://youtu.be/SDoel2eJzTQ